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ARCHIV GEWISSENSFREIHEIT
1996 - 2022
herausgegeben von Paul Tiedemann

0. Gewissensfreiheit allgemein
0.3 Geschichtliche Literatur
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Paul Strohm
Conscience. A Very Short Introduction
Oxford (OUP), 1. Aufl. 2011

Die alten Hebräer hatten kein Wort, das exakt dem Begriff des Gewissens entspricht. Modernes Hebräisch verwendet das Wort matzpun, das etymologisch mit Innerlichkeit und Kompass verbunden ist. Das griechische syneidesis bezeichnet eine innerliche Qualität der ethischen Unterscheidung und teilt einige Gemeinsamkeiten mit dem Gewissensbegriff. im Hinblick auf die Reflexion des Wissens um sich selbst. Die buddhistischen und hinduistischen Ausdrücke haben mehr Nähe zum englischen consciousness statt zu conscience. Beide Ausdrücke waren im Englischen bis ins 17. Jahrhundert bedeutungsgleich. (S. 3) Im Arabischen verwendet man den Ausdruck al-zãjir (Rückhalter) für die Stimme Gottes, die zum Herzen der Gläubigen spricht. (S. 4)

Das lateinische Wort conscientia war um die Zeitenwende herum in der Rhetorik und vor Gericht üblich. Es bezieht sich auf die öffentliche Meinung. In Pro Milo sagt Cicero, dass conscientia das "Theater der Tugenden" sei und in diesem Theater spiele jeder das Gute und das Böse. (S. 6) In Pro Sexto Roscio erklärt er, es brauche keiner Furien (Rachegöttinnen). Die Schuldigen quälten sich selbst mit dem Gedanken an ihre böse Tat. Jeder werde beunruhigt und gestört durch das Wissen um seine Tat, gequält durch seine Gedanken und sein schlechtes Gewissen. Der Rhetor Quintilian machte geltend, dass diejenigen, die vom Pfad der Tugend abkommen, zweimal bestraft werden, einmal durch das Gesetz und zum anderen durch ihr Gewissen. (S. 7)

Diese Sprache passte gut in das Weltbild des aufkommenden Christentums. (S. 7) Entscheidend für die Aneignung des Begriffs war aber dessen Verwendung in der lateinischen Bibelübersetzung des Hieronymus. Er übersetzte damit das Wort syneidesis, das im griechischen Urtext in den Paulusbriefen häufig Verwendung findet (Römer 2, 14-16) und ein gegenseitiges Mitwissen oder ein Wissen des Subjekts von sich selbst bedeutet. Die beiden Begriffe sind aber nicht exakt äquivalent. Die Verwendung von conscientia brachte den Aspekt des öffentlichen Erwartungen und der öffentlichen Sphäre in den Begriff ein, der der syneidesis abgeht. Während syneidesis sich auf eine innere Qualität bezieht, die dem Individuum inhärent ist, war conscientia janusköpfig. Sie blickt einerseits in das Innere des Menschen, aber zugleich auch nach außen auf die öffentliche Meinung und die gesellschaftlichen Werte. So wurde das christliche Gewissen zu einem Mix aus privatem ethischen Urteilsvermögen einerseits und den gesellschaftlichen Erwartungen andererseits. Diese Verschmelzung bedeutet, dass das christliche Gewissen zwei Herren dient, demjenigen, der es besitzt und den Theologen, die es beherrschen, andererseits. (S. 8) Bei Augustinus wird das Gewissen zur Stimme eines "loyalen Opponenten", das sich im Gefühl der Scham zeigt. (S. 10) Es etabliert zugleich einen starken Sinn für Selbigkeit, aber auch eine permanente Spaltung dieses Selbst zwischen privater Neigung und öffentlichem Konsens. So wurde das Gewissen im Mittelalter zu einem stabilen Körper, der aus der christlichen Theologie bestand. In diesem Sinne wurde es nun zur Informationsquelle über Gut und Böse, also zur Stimme Gottes, durch die er seine Gebote verkündet. (S. 12)

Mit der Reformation wurde das Gewissen unabhängig von externen Autoritäten. Es gibt jedoch auch schon vorreformatorische Texte in diese Richtung, etwa von John Wyclif und seinen Jüngern. (S. 14, 16) Die Reformatoren betonten die direkte Verbindung und Kommunikation zwischen Menschen und Gott. Damit war das Gewissen nicht mehr eine Angelegenheit des kirchlichen Konsenses, sondern eher ein Hafen für singuläre, idiosynkratische Meinungen. Das Gewissen wurde nicht mehr als Gefäß betrachtet, in das kirchliche Lehren eingefüllt waren, sondern als Inbegriff tiefster persönlicher Überzeugungen. (S. 17) Das alte und das neue Verständnis des Gewissens zeigt sich im Konflikt zwischen Heinrich VIII und seinem Kanzler Thomas Moore.(S. 18-22) und in Luthers Verteidigung vor dem Reichstag in Worms. (S. 24)

Das Gewissen hat heute eine spirituelle und eine ethische Dimension. Es hat überlebt als ein säkulares ethisches Prinzip ohne Unterstützung durch den religiösen Glauben. Der Katholizismus (Papst Benedikt) halt jedoch an der These fest, dass das subjektive gewissen irren kann und deshalb einer Autorität bedarf, um das Richtige zu erkennen. (S. 33)

Die Emanzipation des Gewissens von der institutionellen Religion wird meistens als ein Ergebnis der Aufklärung betrachtet. Aber sie kann auch als unbeabsichtigte Folge der protestantischen Leidenschaft des 16. und 17. Jahrhunderts betrachtet werden. So führte insbesondere die Theologie Calvins zu dem Ergebnis, dass das Gewissen nicht zur Erlösung beiträgt, sondern nur der Glaube. (S. 37) John Locke's Letter Concerning Toleration ist kein säkularer Text, aber er fordert die Freiheit des Gewissens als eines Naturrechts, das jedem zusteht, auch den Dissentierenden. (S. 39) Im Essay Concerning Human Understanding betrachtet er das Gewissen als gesteuert von der Vernunft. Das Gewissen ist keine Gabe göttlicher Inspiration, sondern die Vernunft ist verleiht ihm Legitimität. (S. 40) So kehrt der Begriff wieder zu seinem ursprünglichen römischen Sinn zurück. Das Gewissen speist sich aus den öffentlichen Sitten, aus dem Konsens und auch der Vernunft. (S. 42)

Gewissen bei Kant (S. 45ff.)
Kritiker des Gewissens: Dostojewski, Nietzsche, Freud (S. 59ff.)

Gibt es ein Bürgerrecht auf Gewissen? - Es gibt viele Leute, die ohne Gewissen auskommen und die Idee, dass alle Menschen ein Gewissen haben, ist ein frommer Wunsch. (S. 76) Aber trotzdem ist die Gewissensfreiheit zumindest in einigen Fällen anerkannt, nämlich im Falle der Kriegsdienstverweigerung. (S. 77ff.) oder im Falle der Verweigerung der Abtreibung (S. 81)

Die Freiheit des Gewissens in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte wird im chinesischen Text mit dem Wort liangxin ausgedrückt, das eigentlich eine innere moralische Disposition meint. Das beruht auf einem Vorschlag des chinesischen Diplomaten P.C. Chang, der diesen konfuzianischen Begriff von Menzius entlehnte mit der Absicht, die christliche Konnotation zu vermeiden. (S. 84f.)

In der Summa Theologica (Teil I, Frage 79, Artikel 13) unterscheidet Thomas von Aquin zwischen synderesis und conscientia. Synderesis ist eine innere Fähigkeit, eine Sache des natürlichen Ausstattung des Menschen, welche für das Gute geneigt macht und gegen das Böse murrt. Es besteht aus einem natürlichen Wissen. Conscientia ist eine Sache der Anwendung dieses Wissens auf den konkreten Fall. Conscientia bezieht sich also auf das Handeln und Synderesis auf die Überzeugung. Im Gewissen geht es darum, ob wir die moralische Motivation zum Handeln aufbringen und was geschieht, wenn wir sie nicht aufbringen. (S. 93)